Circular Economy in der IT

Circular Economy in der IT Prinzipien, Systemlogik und praktische Relevanz

Circular Economy beschreibt einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Ressourcen. Statt Produkte linear herzustellen, zu nutzen und zu entsorgen, zielt das Modell darauf ab, Materialien, Komponenten und Wertschöpfung möglichst lange im Umlauf zu halten. Entscheidend ist dabei nicht ein einzelner Prozess, sondern die konsequente Organisation ganzer Systeme.

Für die IT ist dieser Ansatz besonders relevant. Elektronische Geräte machen mengenmäßig nur einen vergleichsweise kleinen Anteil des weltweiten Abfallaufkommens aus, enthalten jedoch einen überproportional hohen Anteil an wertvollen und teils kritischen Rohstoffen wie Kupfer, Kobalt oder Seltenen Erden. Dabei steckt Komplexität im Detail: Ein Smartphone kann bis zu 50 verschiedene Metalle enthalten. 2022 wurden weltweit 62 Milliarden kg Elektroschrott erzeugt; nur 22,3% wurden dokumentiert formal gesammelt und umweltgerecht recycelt. Seit 2010 stieg das E-Waste-Aufkommen von 34 auf 62 Milliarden kg, während die dokumentierte formale Sammlung und das Recycling nur von 8 auf 13,8 Milliarden kg zunahmen – das Wachstum des Abfallstroms läuft damit der Rückführung deutlich davon. Ein erheblicher Teil des materiellen und wirtschaftlichen Werts geht damit verloren.

 

Vom linearen zum zirkulären IT-Modell

Klassische IT-Beschaffung folgt häufig einer linearen Logik: Geräte werden angeschafft, genutzt und nach festen Zyklen ersetzt. Diese Vorgehensweise vereinfacht Planung und Prozesse, blendet jedoch aus, dass Hardware ihren Wert nicht mit dem Ende der Erstnutzung verliert.

Circular Economy ersetzt diese Sichtweise durch ein zirkuläres Modell. IT-Hardware wird nicht primär als Verbrauchsgut betrachtet, sondern als Vermögenswert, der über mehrere Nutzungsphasen hinweg eingesetzt, erhalten und weitergegeben werden kann. Der Fokus verschiebt sich damit von schneller Erneuerung hin zu Werterhalt und Systemeffizienz.

 

Die zentrale Reihenfolge der Circular Economy

Ein funktionierendes Kreislaufmodell folgt einer klaren Priorisierung. Diese Logik entspricht auch der Abfallhierarchie (Waste Hierarchy) im europäischen Rechtsrahmen: Vermeidung und Wiederverwendung stehen vor Recycling; Entsorgung ist die letzte Option.

Ein funktionierendes Kreislaufmodell folgt einer klaren Priorisierung, die für die IT besonders wichtig ist:

 

1. Nutzung vor Ersatz

Geräte werden so lange eingesetzt, wie sie fachlichen, sicherheitsrelevanten und ergonomischen Anforderungen genügen. Austauschentscheidungen basieren auf tatsächlichem Bedarf und Zustand, nicht auf starren Zeitplänen.

Wichtig: „So lange wie möglich“ ist kein Selbstzweck. Grenzen entstehen in der Praxis vor allem durch Security-/OS-Support, Kompatibilitätsanforderungen, Leistungsprofile und Reparierbarkeit. Circular Economy heißt daher auch: klare Kriterien, wann Verlängerung sinnvoll ist – und wann Austausch (inkl. geregelter Zweitnutzung) der bessere Weg ist.

 

2. Reparatur vor Austausch

Reparatur ist kein Ausnahmefall, sondern ein zentrales Element zirkulärer Systeme. Frühzeitige Instandhaltung erhält Funktionalität und Gerätezustand und verhindert unnötigen Wertverlust.

 

3. Wiederverwendung vor Verwertung

Geräte, die aus der Erstnutzung zurückgeführt werden, können nach Prüfung, Aufbereitung und sicherer, nachvollziehbarer Datenlöschung erneut eingesetzt oder weitergegeben werden. So bleibt der Produktwert im System erhalten.

 

4. Verwertung als letzte Stufe

Recycling ist notwendig, aber die letzte Option im Kreislauf. Es kommt erst dann zum Einsatz, wenn Wiederverwendung wirtschaftlich oder technisch nicht mehr sinnvoll ist.

Diese Reihenfolge ist entscheidend. Wird sie umgekehrt, reduziert sich Circular Economy auf Abfallbehandlung und verfehlt ihren eigentlichen Zweck.

 

Circular Economy als System, nicht als Einzelmaßnahme

Ein häufiger Irrtum besteht darin, Circular Economy auf einzelne Aktivitäten wie Refurbishment oder Recycling zu reduzieren. Tatsächlich entsteht Wirkung erst dann, wenn der gesamte Lebenszyklus eines Geräts betrachtet und gesteuert wird.

Dazu gehören:

  • Transparenz über Bestand, Nutzung und Zustand,
  • klare Kriterien für Reparatur, Weiterverwendung und Austausch,
  • nachvollziehbare Qualitätsstufen für wiederverwendete Geräte,
  • dokumentierte Prozesse für Rückführung und End-of-Life,
  • sichere und dokumentierte Datenlöschung als Voraussetzung jeder Wiederverwendung.

Ohne diese Systematik bleibt Kreislaufwirtschaft fragmentiert und schwer steuerbar.

 

Kurzes Praxisbeispiel (Lifecycle-Flow)

Ein Gerät kommt aus der Erstnutzung zurück und wird nicht automatisch „ausgemustert“, sondern durchläuft einen standardisierten Prozess: Rücknahme Zustandsprüfung Datenlöschung ggf. Reparatur Qualitätsstufe/Grading Entscheidungspfad (Re-Deployment, Ersatzgerätepool, Zweitmarkt, Recycling). Der Hebel liegt dabei nicht im einzelnen Schritt, sondern in der konsequenten Entscheidungssystematik und deren Durchgängigkeit.

 

Quantifizierbarkeit auf Systemebene

Die Wirkung von Circular Economy zeigt sich weniger in einzelnen Kennzahlen pro Gerät als in der Effizienz ganzer Systeme. Relevant sind unter anderem:

  • Reuse-Quote (Anteil wiederverwendeter Geräte im Verhältnis zu Neugeräten),
  • durchschnittliche Nutzungsdauer je Gerätekategorie (inkl. mehrerer Nutzungsphasen),
  • Repair-Rate (wie viele Geräte werden instandgesetzt statt ersetzt),
  • Grading-Verteilung (Qualität der Rückläufer),
  • Time-to-Return (wie schnell Rückgaben in den Prozess kommen),
  • Anteil nachvollziehbar dokumentierter End-of-Life-Fälle (Nachweisfähigkeit).

Gerade im IT-Umfeld entstehen viele Verluste nicht durch technische Defekte, sondern durch organisatorische Brüche: fehlende Transparenz, starre Austauschlogiken oder unklare Rückführungsprozesse. Circular Economy adressiert genau diese systemischen Ineffizienzen.

 

Circular Economy und Nachhaltigkeit

Circular Economy ist eng mit Nachhaltigkeit verbunden, aber nicht mit ihr gleichzusetzen. Während Nachhaltigkeit häufig auf Emissionen, Energieverbrauch und Umweltwirkungen fokussiert, liefert Circular Economy die strukturelle Logik, um Ressourcenverbrauch dauerhaft zu reduzieren.

In der IT bildet Kreislaufwirtschaft damit die Grundlage, um ökologische Ziele langfristig zu erreichen. Nachhaltigkeit wird nicht isoliert betrachtet, sondern ergibt sich als Resultat eines funktionierenden Kreislaufs.

 

Wirtschaftliche Perspektive

Neben ökologischen Effekten hat Circular Economy eine klare wirtschaftliche Dimension. Hardware, die länger genutzt, repariert und wiederverwendet wird, behält ihren Wert länger. Gleichzeitig sinkt die Abhängigkeit von kurzfristiger Neubeschaffung und volatilen Beschaffungsmärkten.

 

Zirkuläre IT-Modelle verbessern dadurch:

  • die Planbarkeit von Investitionen,
  • die Nutzung bestehender Assets,
  • die Kontrolle über Restwerte und End-of-Life-Risiken.

Kreislaufwirtschaft wird so zu einem Instrument für Stabilität und Resilienz, nicht nur für Umweltentlastung.

 

Fazit

Circular Economy in der IT ist kein Trend und kein Marketingkonzept. Sie ist ein Ordnungsmodell, das den Umgang mit Hardware grundlegend verändert. Entscheidend ist nicht, ob über Kreislaufwirtschaft gesprochen wird, sondern ob sie als System gedacht und umgesetzt wird.

Unternehmen, die Nutzung, Reparatur, Wiederverwendung und Verwertung bewusst steuern, reduzieren Ressourcenverluste, erhalten Wertschöpfung und schaffen Transparenz entlang des gesamten IT-Lifecycles.

Überleitung zur Sustainability-Perspektive

Circular Economy beschreibt den strukturellen Rahmen, um Ressourcen, Materialien und Wertschöpfung möglichst lange im System zu halten. Gerade im IT-Umfeld ist das besonders relevant: 2022 wurden weltweit 62 Milliarden kg Elektroschrott erzeugt; nur 22,3% wurden dokumentiert formal gesammelt und umweltgerecht recycelt. Gleichzeitig bindet Elektronik einen überproportional hohen Anteil kritischer Rohstoffe – ein Smartphone kann bis zu 50 verschiedene Metalle enthalten.

Wie sich diese Kreislaufprinzipien im operativen IT-Alltag umsetzen und mit messbarer Wirkung verknüpfen lassen, zeigen wir im Beitrag zur Sustainability im DaaS anhand konkreter Lifecycle-Ansätze

 

 

Kontakt

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Quellenverzeichnis – Circular Economy (IT):

European Commission:
A new Circular Economy Action Plan
European Parliament
Circular economy: definition, importance and benefits
ISO
ISO 59004:2024 – Circular economy — Vocabulary, principles and guidance for implementation
European Commission:
Waste hierarchy (Waste Framework Directive)
Global E-waste Monitor (UNU / ITU / ISWA):
https://ewastemonitor.info/
https://www.itu.int/en/ITU-D/Environment/Pages/Publications/The-Global-E-waste-Monitor-2024.aspx
European Commission:
Critical Raw Materials
Ellen MacArthur Foundation:
Circular Economy in Electronics
OECD:
Business Models for the Circular Economy